← zurück zur Startseite



Allgemein

TextilWirtschaft: Interview mit Jörg Peter Schmiddem

TW: Herr Schmiddem, Sie sind seit fast zweieinhalb Jahren Einkaufschef von Karstadt. Was haben Sie im Modesegment verändert?
Jörg Peter Schmiddem: Wir haben gerade eine sehr tiefgreifende Bestandsaufnahme unseres Fashion-Bereichs gemacht. Wir haben auch bei Fashion, wie in anderen Unternehmensbereichen, eine neue Sortimentsschichtung durchgeführt und uns von sehr jungen Marken, von in Deutschland unbekannten Labels und Produkten mit einem schlechten Preis-Leistungsverhältnis getrennt. Wir sehen, dass wir Kunden zurückgewonnen haben. Und wir haben die Bestände und die Abverkaufsquote in den Griff bekommen. Schließlich haben wir unser Preis-Leistungs-Verhältnis schon erheblich verbessert. Das hat noch nicht alle Menschen erreicht. Wir sind verstärkt dran, das zu ändern. Jetzt beginnen wir die Feinarbeit am Sortiment.

Wie viele Fashion-Lieferanten haben Sie ausgetauscht?
Wir haben unsere gesamte Lieferanten-Struktur untersucht und überarbeitet. Heute arbeiten wir mit rund 30% weniger Fashion-Lieferanten, das sind mehrere hundert. Das waren sehr bewusste Entscheidungen. Denn wir können niemanden gebrauchen, mit dem wir kein Geld verdienen.
.

Karstadt-Einkaufschef Jörg Peter Schmiddem

Karstadt-Einkaufschef Jörg Peter Schmiddem


Wo sehen Sie Wachstumschancen?
Von unserer aktuellen Kundenstruktur her haben wir ein Riesenpotenzial, denn von den Kunden, die schon in der Filiale sind, kauft ein Drittel alle möglichen Sortimente bei uns, aber noch keine Mode. Hinzu kommt, dass der Modekunde seltener, aber gezielter stationär einkauft. Umso mehr müssen wir die Sortimente für unsere Kernzielgruppe feintunen.

Was sind also die nächsten Schritte?
Wir haben das Ziel, unsere Modekompetenz erheblich zu stärken und greifen deshalb jetzt noch weiter in den Fashion-Bereich ein. Zunächst haben wir mit Sabine Zollikofer eine ausgewiesene Expertin für Karstadt gewinnen können, die unsere DOB verantworten wird. Wir haben unseren Einkauf vor wenigen Wochen so aufgestellt, dass die Verantwortung jetzt wieder zusammengeführt ist. Erstens haben wir einen sehr starken Fashion-Bereich für HAKA, DOB und Kinder unter der Führung von Patrick Diederen geschaffen, an den Frau Zollikofer berichten wird. Und zweitens haben wir in diesen Bereich auch das Merchandise Planning integriert. Das angelsächsische Modell einer Teilung der beiden Bereiche hat sich für den deutschen Markt als nicht tauglich erwiesen.

Wird es neue Marken geben?
Wir haben, wie in allen anderen Sortimentsbereichen, jede einzelne Marke auf den Prüfstand gestellt und zwar nicht nur im Hinblick auf Profitabilität, sondern auch bei der Frage, wer zum neuen Karstadt passt. Im Ergebnis haben wir sowohl Marken ausgelistet als auch neue hinzugenommen oder bestehende Partnerschaften erheblich ausgeweitet.

Nennen Sie doch mal Beispiele.
Wir führen bis Oktober 2016 insgesamt in 46 Filialen Bonita Shops ein. Beginnen werden wir zunächst in den Filialen Berlin Hermannplatz, Bayreuth, Memmingen, Fulda, Norderstedt und Saarbrücken. Dann bekommen wir neu die Marke Navyboot hinzu, die zunächst in sechs Filialen startet: Berlin Schlossstraße, Nürnberg, München Bahnhof, Hamburg Mönckebergstrasse, Dresden und Konstanz. Das ist ein ganz anderes Segment und diese beiden Partnerschaften zeigen ganz gut die Bandbreite, die wir im Fashion-Bereich jetzt abbilden können. Ein paar weitere Marken sind White Stuff, die es in Deutschland bislang überhaupt nur mit zwei eigenen Läden in Münster und Oldenburg gibt und sonst nur bei Karstadt in Frankfurt am Main, Nürnberg, Düsseldorf, Bremen, München Bahnhof und Hamburg Mönckebergstraße und Hallhuber, eine Partnerschaft, die wir gerade ausweiten.

Was heißt das für die Dachmarke Karstadt?
Karstadt ist wieder wer. Oder anders ausgedrückt: Wir sind wirtschaftlich wieder so stark und unsere Ausrichtung auf den deutschen Kunden und die lokalen Bedürfnisse werden so positiv wahrgenommen, dass wir eine ausgezeichnete Adresse sind, um in der Innenstadt erfolgreich zu sein oder auch, um überhaupt einen Markteintritt in Deutschland zu starten.

Eine modernere Warenpräsentation bei Karstadt wäre auch nicht schlecht.
Wir arbeiten an einer neuen Präsentation, aber nicht nur für den Bereich Mode. Wir werden sehr bald einen ersten Filial-Prototypen haben. Die Planung ist abgeschlossen und die Mittel stehen bereit. Aber ich möchte jetzt dazu noch nichts sagen. Das würde sicher bei unseren Wettbewerbern mit großem Interesse gelesen werden.

Klingt gut – aber was ist mit den harten Zahlen? Sind Sie mit der Umsatzentwicklung bei Fashion zufrieden?
Die Umsatzentwicklung bei Karstadt ist insgesamt gut. Insbesondere im Hartwarenbereich haben wir uns den Umsatz zurückgeholt, den wir verloren hatten. Hier sind wir besser als der Markt. Beispiele sind Küche, Schreibwaren, Reisegepäck oder auch Süßwaren. Mit den Zusatzumsätzen unseres 135. Geburtstages liegen wir deutlich über Plan. Der Fashion-Bereich läuft aber noch nicht so, wie wir es uns wünschen, auch, wenn wir im Moment in vielen Kategorien besser sind als der Markt. Wir sehen in der Marktforschung sehr deutlich, dass wir dort sehr großes Potenzial haben. Um das zu heben, unternehmen wir ja diese Anstrengung.

Wird der Umsatzanteil von Fashion als Folge dieser Anstrengungen steigen?
Mode und zwar DOB, HAKA und Kiko bleibt unser größter Sortimentsbereich. Das ist kein Widerspruch zu ‚Alles unter einem Dach‘. Im Gegenteil: Ein kompetenter Fashion-Bereich für Damen, Herren und Kinder ist eine der besonderen Stärken des Warenhauses. Hinzu kommt, dass im Warenhaus wie bei keinem anderen Handelsformat Mode durch die Sortimente der Bereiche Uhren/Schmuck, Beauty/Strümpfe, Taschen, Accessoires und Schuhe flankiert wird.

Durch das, was viele Modehändler als „flankierende Sortimente“ gerne hätten?
Ja. Modekompetenz bedeutet für mich auch Accessoire-Kompetenz, Taschen-Kompetenz und Wäsche-Kompetenz und so weiter. Nehmen Sie beispielsweise den Bereich Taschen. Da haben wir drei echte Trendmarken neu zu Karstadt geholt – keine Experimentier-Marken, sondern solche, die wirklich sehr gute Umsätze schreiben: Emily & Noa, Suri Frey und 08-16. Oder nehmen Sie unsere neue Beauty-Marke aus Australien, Nude by Nature, die gibt es in Deutschland im stationären Einzelhandel nur bei Karstadt.

Sind Ihre Anstrengungen Reaktionen auf die Ankündigungen von Galeria Kaufhof?
Nein, wirklich nicht. Erstens orientieren wir uns an den jeweils Besten der einzelnen Bereiche und nicht an einem einzigen Unternehmen. Und zweitens geht die Strategie doch inzwischen sehr weit auseinander. Wir betreiben ja beispielsweise eine strikte lokale Ausrichtung und die Rückkehr zu ‚Alles unter einem Dach‘. Das kann ich woanders nicht erkennen.

Wie soll sich eigentlich das angekündigte neue Warenhaus in Berlin-Tegel von den übrigen unterscheiden?
Vom Grundsatz gehen wir dort nicht anders vor als sonst auch. Wir denken, dass lokale Marktplätze das am stärksten wachsende Zukunftsformat sind. Und genau das werden wir in Berlin-Tegel komplett neu bauen. Dazu schauen wir grundsätzlich zwei Dinge an: Was wünschen die Kunden an diesem Standort? Und: Wie ist das Marktumfeld beschaffen? Wenn sich unser Umfeld ändert, passen wir unser Angebot an. Karstadt-CEO Stephan Fanderl nennt das ‚atmende Flächen‘ betreiben. Das beschreibt das Prinzip sehr gut.