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Allgemein

“Wir können die Umbauten komplett aus dem eigenem Cashflow finanzieren”. Interview mit Karstadt CFO Harald Fraszczak

Mittlerweile ist es genau ein Jahr her, dass Nicolas Berggruen den insolventen Karstadt-Konzern gekauft hat. Wie weit ist die Sanierung gediehen?
> Unsere Strategie heißt Karstadt 2015 und beschreibt ein Arbeitsprogramm für diesen Zeitraum: Wir werden u.a. unsere Sortimente verändern, Eigenmarken stärken sowie unseren Auftritt in den Filialen modern und lebendig gestalten. Der Fachbegriff dafür ist Visual Merchandising, das heißt, wir achten mehr auf die Präsentation unserer Waren. Dementsprechend bilden wir unsere Mitarbeiter weiter, investieren aber auch in den Bereich IT, Prozessoptimierung und Logistik. Wir sind in den 12 Monaten vorangekommen, das sieht man auch in den bislang 20 modernisierten Filialen, aber natürlich sind wir noch nicht perfekt. Es sind zum Teil längere Wege, die wir gehen werden. Mit den bislang erzielten Ergebnissen sind wir zufrieden.

2010 haben zum Teil selbst hoch verschuldete Kommunen dem insolventen Karstadt-Konzern die Gewerbesteuer gestundet. Zahlen Sie in diesem Jahr?
> Ja, Körperschaft- und Gewerbesteuer. Ein Unternehmen, das Geld verdient, zahlt natürlich auch Steuern. Sie werden verstehen, dass ich zur Höhe keine Angaben mache.

Karstadt war unter anderem wegen der hohen Mieten an das Immobilien-Konsortium Highstreet in die Krise geraten, das noch den Löwenanteil der Karstadt-Immobilien hält. In mühsamen Verhandlungen wurden die Mietzahlungen reduziert. Wie sind die jetzigen Mietverträge ausgestaltet, die ja Laufzeiten von mindestens 25 Jahren haben?
> Wir haben die Mietkonditionen langfristig gesenkt, das heißt sie sind jetzt langfristig auf Marktniveau. Dahinter gehen wir nicht zurück. Ein zweiter Aspekt der Immobilien-Entwicklung spricht ebenfalls für unsere Konsolidierung: Highstreet verkauft ja derzeit viele Immobilien. Das ist ein gutes Zeichen. Denn die Käufer sind Projektentwickler und Immobilienfonds, die wissen, was sie tun. Sie schauen sich unsere Strategie an und sehen da eine erfolgversprechende Knospe. Dass Entwickler wieder an uns glauben, ist von sehr großer Bedeutung für uns.

Karstadt selbst will in den nächsten vier Jahren rund 400 Millionen Euro in den Umbau von 60 Filialen investieren. Woher nehmen Sie das Geld?
> Wir können die Umbauten komplett aus dem eigenem Cashflow finanzieren. Wir haben alles solide finanziert und liegen voll im Plan, auch was Umsatz und Gewinn angeht.

Wo und wie legen Sie das Geld für die Umbauten an?
> Wir schauen uns die Filialen auf den Grad der Modernisierungsbedürftigkeit hin an. Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Wettbewerbssituation. Danach wählen wir die Reihenfolge aus. Kleinere Häuser, die wir aktuell angegangen sind, waren Limburg oder Bad Homburg. Andere Häuser wie in München oder Frankfurter Zeil sind so groß, dass wir sie über mehrere Jahre umbauen werden, um die Kunden nicht durch eine riesige Baustelle zu stören. Der Kunde steht im Mittelpunkt aller unserer Aktivitäten. Wir haben keine Filiale während der Umbauten geschlossen.

Derzeit betreiben Sie 86 Warenhäuser und drei Premium-Häuser. Keines soll geschlossen werden, hieß es. Halten Sie die Garantie bei anhaltender Wirtschaftskrise durch?
> Wir planen keine Schließung. Wir befinden uns in einem dynamischen Umfeld und denken ergebnisorientiert: Für uns geht es immer um die Performance, also darum, ob die Filialen gut laufen. Das hängt von der Wirtschaftlichkeit der Filiale und von deren Umfeld ab: Am Ende entscheidet der Kunde über unseren Erfolg.

Bundesweit beschäftigt Karstadt 24 000 Menschen. Wie viele werden es 2015 sein?
> Einerseits werden wir Prozesse optimieren, andererseits brauchen wir mehr Mitarbeiter, die fachkundig und freundlich beraten und verkaufen. Insofern sehe ich keinen Grund für eine wesentliche Veränderung der Mitarbeiterzahlen.

Karstadt hat sich auf die Fahne geschrieben, neben Waren- und Premiumhäusern mit Karstadt Sports eine dritte Konzernsparte zu etablieren. Den Auftakt machte eine Neueröffnung in Wiesbaden. Bleibt die Sport-Sparte im Konzern, und wie geht es mit ihr weiter?
> Wir sind der größte Sportanbieter in Deutschland mit jetzt 27 Sporthäusern. Wir planen rund 7 bis 10 weitere Standorte in den nächsten Jahren. Wir wählen neue Standorte sehr sorgfältig aus. Karstadt Sports ist eine wichtige Säule im Konzern.

Ein weiteres Karstadt-Konzept heißt K Town und hat nichts mit dem Synonym für Kaiserslautern zu tun, wohl aber mit einem jüngeren Zielpublikum. Wie soll K Town diese Kundschaft ansprechen?
> Wir definieren jung nicht anhand des Alters, sondern anhand des Lebensstils, der Einstellung. K Town ist ein Konzept für Menschen mit einem jungen Lebensstil. Wir bieten dort moderne Marken in den Bereichen Fashion, Accessoires und Schuhe und das in einer ungewöhnlichen Umgebung, nämlich in einer alten Markthalle.

Eine erste Test-Filiale gibt es seit September in Göttingen. Wann folgen weitere Neugründungen?
> Da legen wir uns nicht fest. Ein dynamischer Händler probiert immer etwas Neues aus. K Town ist ein vielversprechender Pilot. Eine solche Laborfunktion brauchen wir, auch um zu prüfen, was auf alle Warenhäuser übertragbar wäre. Denn alle Karstadt-Häuser werden einen moderneren Kunden ansprechen.

Sie sprechen viel von Mode, dem größten Umsatzfaktor. Wann wird Karstadt den Anspruch aufgeben, im klassischen Sinne des Warenhauses ein möglichst breites Sortiment anzubieten?
> Wir werden in vier Kategorien stark sein: Fashion, Living, also z.B. Porzellan, Glas, Tisch- und Bettwäsche, Personality, dazu gehören Kosmetik und Beauty sowie Sport. Diese Themen dehnen wir aus. Anderes geht zurück. Das liegt auch an der Entwicklung unserer Gesellschaft. Nehmen Sie das Beispiel CD`s und DVDs. Das wird in 20 Jahren höchstens noch eine Nische sein, weil immer mehr Menschen Musik downloaden.

Das Internet revolutioniert aber noch auf andere Weise den Handel ­und ist längst das Warenhaus der Zukunft geworden .
> Das schreckt uns nicht. Unsere Zukunft sehen wir im Multichannel, also einer organischen Verbindung zwischen stationärem Handel und Internet. Damit können wir unserem Kunden einen echten Mehrwert bieten: Der Kunde kann die Ware im Internet bestellen und im Warenhaus abholen, umtauschen und zurückgeben, oder er kann sich die Ware im Kaufhaus anschauen und sie sich nach Hause liefern lassen. Mit Multichannel preschen wir in Deutschland vor, in Frankreich und Großbritannien ist man schon viel weiter.

Wann und was haben Sie selbst persönlich in einem Karstadt-Warenhaus gekauft?
> Vor wenigen Tagen erst. Ich bin mindestens ein Mal jede Woche in einer unserer Filialen.

Das Gespräch führte Monika Nellessen.

Harald Fraszczak (50) ist seit Mai 2011 der Finanz-Chef (CFO) von Karstadt. Er gehört damit zur vierköpfigen Geschäftsführung unter Vorsitz von Karstadt-Chef Andrew R. Jennings. Der studierte Betriebswirt Fraszczak war zuvor CEO (geschäftsführendes Vorstandsmitglied) von Metro Cash & Carry Deutschland und verbrachte den größten Teil seiner bisherigen Laufbahn von 1990 bis 2010 bei Aldi und in der Metro Gruppe.

Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz



Eine Anmerkung:

  1. 13. Oktober 2011, 18:26
    Karstadt:

    Karstadt-Finanzchef Harald Fraszczak im Interview: “ECE-Einkaufscenter muss in Stadt passen” (Mainz):
    http://www.allgemeine-zeitung.de/region/mainz/meldungen/11235120.htm